War es so viel Wagner im Dritten Reich?

Vor allem “Die Meistersinger von Nürnberg“ wurde im Dritten Reich für politische Zwecke misbraucht behaupten immer noch Ansager, Autoren, Kommentatoren und gar Regisseure und Spielleiter.

TEXT: Ingemar Schmidt-Lagerholm

Als wären alle in Deutschland gebliebenen Personen und Persönlichkeiten im Banne von Goebbels samt und sonderlich Wagnerianer und Nazis geworden. Durch Hervorheben von heldenhaften Ausnahmen scheint diese These auch noch glaubwürdig.

Ich meine dies alles ist übertrieben.

Ich werde meine Ansicht aus meinen Erfahrungen und aus meinem Gedächtnis exemplifizieren. Im Jahre 1960 habe ich meine erste Artikel über Wagner in schwedischen Zeitungen veröffentlicht. Durch Jahrzehnte habe ich als ganz schwedischer Germanist „den Spiegel“ und „die Zeit“ nicht zuletzt in dieser Beziehung verfolgt. Habe nun auch Spezialarbeiten und Übersichten mit großem Interesse durchaus gelesen und studiert. Eigene Archivstudien in dieser Sache habe ich leider nicht betreiben können.

Zuerst ein paar Gedanken über Nürnberg als Sonderstadt der Nazis. Mit vier Jahren Tätigkeit an der naheliegenden Universität Erlangen (1984-1988) kenne ich einigermaßen auch Nürnberg als eine lebendige Stadt von heute mit einer vielseitigen Geschichte. Ich denke Hitler mag eine gewisse Angst gehabt haben für etwaigen Widerstand in Großstädten wie Hamburg, München, Berlin. Die fränkische Stadt Nürnberg    – mit unpolitischem, konservativem Umland –  war da weniger gefährlich für die „dienstverplichtete Entourage“. Außerdem war da eine ehrreiche Geschichte vorhanden   – als ehemalige Kaiserstadt im „ersten heiligen römischen Reich deutscher Nation“ –   wie sonst keine andere Stadt im damaligen (ab 1919) geografischen Deutschland.

Im Auftrage Hitlers hat ja die künftige Olympiafilmerin Leni Riefenstahl schon im Jahre 1934 die hitlerischen Reichsparteitage als Spielfilm geformt   – mit dem Titel „Triumph des Willens“ (Eine Sonderausgabe DVD in meinem Besitz hat die Spieldauer 1h47m.) Für die Musik ist angeblich Herbert Windt zuständig. Es wird getrommelt, und etliche mitreißende Märsche werden gespielt und arrangiert. Der Anteil Wagner ist äußerst minimal:  etwa 30 sekunden Meistersingervorspiel III in der 12 Spielminute des Films. Ein paar Nazilieder wie „Die Fahne hoch“. Bißchen fränkische Volksmusik. Wenn Leute sich scheinbar spontan äußern, dann nicht muntartlich sondern strenges Bühnendeutsch nach Siebs. Überall taktfeste Kolonnen   –  immer vom Zentrum der Altstadt in nördlicher Richtung gegen das mittelalterliche Schloß am höchst gelegenen Punkt binnen Stadtmauern. Man müsse wohl annehmen das die nicht gefilmte Rückkehr ins südliche Gelände außer Stadtrand wesentlich weniger diszipliniert stattfand    – für Wurst und Bier, Tanz und Unterhaltung. (Aus unser heutigen Sicht bemerkenswert ist daß Hitler in diesem Film sich ziemlich direkt darüber äußert warum er Ernst Röhm    – todt am 1. Juli 1934  in der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim –   beseitigt hat: Der SA-Chef Röhm habe gesündigt.)

Der nächste Schritt ist aber mit Wagner. Die nationalsozialistischen Parteitage 1935 wurden am 10 September durch eine Festaufführung von „Mestersinger“ eingeleitet. Von dieser Gelegenheit ist vieles fast überdeutlich dokumentiert. Für eine einzige Aufführung wurde das gesamte Personal (etwa 200 Leute) von der Wiener Staatsoper unter Furtwängler geholt. (Was übrigens eine ansehnliche Summe gekostet haben muß.) Gefilmt wurde wohl nicht. Tonaufnahmen diesmal wohl auch nicht. Gedruckte Reden und Photos eine Unmenge. Am bekanntesten ein Photo mit Tietjen, Speer, Winnifred, Hitler und Streicher in der Loge des Nürnberger Teaters. In den Jahren 1936 und 1937 keine solche Opernaufführung. Nur ein leichteres und kürzeres Konzert mit Vorspielen u. a. Rienzi.

Es scheint typisch daß eine komplette Aufführung erst 1938 wiederholt werden konnte. Hitler hatte im März den Anschluß von Österreich vollbracht und vermochte nun im großdeutschen Raum bestimmen und befehlen. Auf der achten Plattenseite eines Albums (fünf Platten vinyl 1985) genannt „Wilhelm Furtwängler dirigiert Opern von Richard Wagner“ befindet sich ein Ausschnitt „Meistersinger“ aufgenommen in Nürnberg am 9 september 1938. Eine gute Viertelstunde „Wie duftet doch der Flieder“ (Rudolf Bockelmann). Möglicherweise ist mehr Material vonhanden, vielleicht in noch schlechterer Tonqualität.

Abgesehen von Bayreuth 1943 ist es durchaus wahrscheinlich daß gerade ”Meistersinger” auch andererorts 1933-1944 aufgeführt wurde. Einen kompletten Ring aber gab es in diesem Zeitraum wahrscheinlich weder in Bayreuth noch anderswo in Deutschland. Der schwedische Tenor Set Svanholm wirkte in Bayreuth 1942 mit, aber es gab einzig Götterdämmerung (wohl auch den Fliegenden Holländer). Parsifal musste in Bayreuth unbedingt    – aus bühnentechnischen Gründen –    erneuert werden. Vor seinem Tod (1935) bekam Alfred Roller den persönlichen Auftrag Hitlers die Bühnenbilder für einen neuen Bayreuther Parsifal anzufertigen. Franz von Hoeßlin dirigierte zuerst diese Neueinstudierung. Was in vielen Hinsichten völlig mißlang. Und letzten Endes dazu führte daß gerade der „Parsifal“ mit seinem Pazifismus von den Nazis völlig verpönt wurde.

Das Liebesdrama „Tristan und Isolde“ scheint eine große Spielpause gehabt zu haben   – von etwa 1931 bis 1947 (Konzertant gekürzt im Admiralspalatz, Berlin). Wurde sogar „Lohengrin“ in der Nazizeit nicht oder fast nicht gespielt? Die Wagnerianer deuten oft auf Furtwängler zu Bayreuth mit „Lohengrin“ im Olympiajahr 1936. Tatsächlich gab es gerade diesen Sommer ein Logistisches Dilemma. War es überhaupt möglich beide Veranstaltungen rechtzeitig zu erreichen. Na, wie dem auch sei. Franz Völker abwechselnd mit Max Lorenz sollte nun zum ersten Mal die um vier Minuten erweiterte „Gralserzählung“ exekutieren. (Tonsetser Wagner und Dirigent Liszt hatten bei der Uraufführung in Weimar 1850 sich um eine seither gebliebene Kürzung geeinigt)

Obwohl müde mitten im dritten Aufzug hat angeblich Hitler von sich aus spontan diese Erweiterung gemerkt. Und wurde sofort als echter Wagner-Kenner gelobt und gepriesen. Ich versichere daß dies nicht wahr sein kann. Niemand in der Nähe Hitlers hätte es   – wegen der eigenen Stellung –   gewagt Hitler uninformiert zu lassen. (Diese „Erweiterte Gralserzählung   – Im fernen Land – Nun höret …  blieb in Bayreuth 1936 ein nie wiederholter Einzelfall. Niemals ausgeführt in den fünfziger Jahren – in der Ära “Joseph Keilberth” – und nicht viel später von Hans Neuenfels mit seinen Mäusen. Im kompletten Zusammenhang ist diese längere Fassung nur auf Schallplatten zu hören. Zuerst Leinsdorf 1965 (Konya), dann Bychkov 2007 (Botha) und Bareinboim 2010  (Seiffert). (Barenboim bevorzugt szenisch doch meistens die kürzere Version.)

Ich wiederhole: Gewisse Nazis wollten selbst und für die Bevölkerung eine Wagnerpflege, eine Wagneranbetung. In der Praxis aber wurde Wagner in der Nazizeit nicht sonderlich viel gespielt.

Ich stelle fest daß Hitler et consortes absolut keine Wagnerianer waren, so wie wir die Sache verstehen. Ihr Wagnerismus war ein kühl berechneter Kalkül um mit emotionalen Mitteln für sich eine einflußreiche Elite zu gewinnen. Auf Füherbefehl plagten sich die Palladine durch einige stundenlangen Vorstellungen.

Es kommt in diesem Zusammenhang gelegen den nazideutschen „Spielfilm“ Stuka zu erwähnen, der in besetzten und “neutralen” Ländern durch normale Kinos (also auch in Schweden) im Jahre 1942 lief. (Jetzt auch auf YouTube zu begucken.) In dieser fiktiven Schönmalerei und Propagandawelt werden begabte leicht überanstrengte (Sturzkampfflugzeug)-Piloten durch einen Vorstellungsbesuch mit Wagner in Bayreuth terapeutisch kuriert.

Nichts genannt darüber was dort in Wirklichkeit passierte. Versehrte und verstümmelte Wehrmachtsoldaten ausser Dienst nach Bayreuth befohlen und in den gesprächslosen Pausen mit Bier und Wurst traktiert. (De facto vom gerade 25-jährigen Offizier Wieland Wagner empfangen   –  „in Bayreuth eben nur angekommen wurden sie auf fränkisch aufgenommen“. Denn eben Wieland Wagner hatte mit eben dieser Aufgabe an eben dieser Stelle seinen Kriegsdienst.

Im Privaten kümmerte man sich recht wenig um Wagner. Der genannte Ufa-Film Stuka zeigt doch den Unterschied zwischen Wunschvorstellung mit Wagner und Realität ohne wagnerische Umstände.

Und „bei sich zuhause“ waren es nicht Heldentenöre wie der norwegische Nazi Gunnar Graarud oder der amerikaberühmte Lauritz Melchior    – auch nicht der zuverlässige Franz Völker oder gar der arme Max Lorenz, die Wagners Siegmund und Siegfried auf den großen oder kleinen sehr zerbrechlichen Schellackplatten sangen. Von transportabeln Drehgrammophonen und aus breiten kombinierten Rundfunkmöbeln in Deutschland des dritten Reiches klangen einfache italienische Arien und Gesänge, deutsche Operette, Unterhaltungsmusik und nicht zuletzt heitere „moderne“ Tanzmusik, seit den zwanziger Jahren mit kaum verhehltem Jazzeinfluß   –  obwohl von den Nazi verboten.

Um nicht darüber zu reden, wie es daheim in der Wolfsschanze war –   bei Adolf Hitler intim. Der Ort hieß ja damals auf gut deutsch Rastenburg in Ostpreußen und ist heutzutage das polnische Kętrzyn nahe an der russischen Grenze. Marlene Exner   – Diätköchin des Führers in der Wolfsschanze 1943-1944 hat der hervorragenden österreicherischen Historikerin Brigitte Hamann bestätigt, daß die musikalische Diät vom Plattenspieler dort nur aus Franz Lehar, der lustigen Witwe und vielleicht noch Zarah Leander bestand.


Ingemar Schmidt-Lagerholm
ist der Verfasser einer Schrift über den Antisemitismus Richard Wagners (2012)
Verlag Nya Doxa (ISBN 9789157805966), Schwedisch,  noch erhältlich.

Siehe auch die Besprechung von Erik Wallrup (in schwedischer Sprache)


Nachspann 1:
Freunde haben mir sofort geholfen.

1) Erstens an meiner Grundthese geglaubt. Und mich darin ermuntert. „Hitler und seine Palladine waren keine Wagnerianer.“  Wagner war im Dritten Reich wenigstens verhältninsmäßig selten.

2) Zweitens die Statistik wesentlich korrigiert. Vor allem:   Komplette Aufführungen des Wagner-Rings sind in der Nazizeit für Bayreuth und auch anderswo an deutschen Opernhäusern registriert und haben sich wahrscheinlich auch ereignet. Erwähnenswert ist der damals praktisch deutsche Kurort Zoppot. Heute das völlig Polen zugehörige Sopot an der Ostsee, kilometergenau (9 Km) zwischen den polnischen Großhäfen Gdansk und Gdynia gelegen. Damals mit einer Freilichtbühne. (Heute noch ?) Es waren offenbar damals sehr viele Zuschauer, sehr viel Wagner. Ob in dieser Zeit hier auch zusammen mit Wagner Nazi-Propaganda vorkam ist mir in der heutigen Lage nicht bekannt. Ich kann mir aber vorstellen daß sowas in besonderem Maße nicht der Fall war.


Nachspann 2:
Ausgangspunkt für diese schwedisch-deutschen Zeilen sind Aussagen  des Ansagers in Bayreuth bei der 3Sat-Sendung Meistersinger am 28 Juli 2017.

a) Ich bemerke daß hervorragende Philosophen wie Walter Benjamin und Theodor Adorno sich sehr geringschäzend über Hitlers Kapazitäten als „Wagnerianer“ geäußert haben. Anders sieht es der unberechenbare Verfasser Joachim Köhler.

b) Über „Meistersinger“ in Bayreuth sei noch anzuführen: Unter Gesamtleitung von Siegfried Wagner fand nach dem ersten Weltkrieg die Eröffnung der Bayreuther Festspiele erst im Jahre 1924 statt. Es gab „Die Meistersinger“ unter Fritz Busch. Das Publikum hat am Ende das „Deutschlandlied“ aufgestimmt. Ob schon die wagnerische Musik übertönend oder unmittelbar danach bleibt aus heutiger Sicht unklar. Eine sehr peinliche Affäre schon etliche Jahre vor der Machtübernahme Hitlers. Danach hat Busch eine Oper von Richard Strauss (Die ägyptische Helene) uraufgeführt und wurde schließlich    – quasi als wäre er jüdisch –   von seiner Stelle als Generalmusikdirektor in Dresden weggejagt. Mit dem Gruß „Heil Hitler“ hat Karl Böhm angenommen Busch in Dresden zu ersetzen.

c) Um 1930 hat Arturo Toscanini u a Meistersinger in Bayreuth dirigiert   – zum aller Erstaunen und Bewunderung auswendig. Und sich fast in Winifred verliebt. Für den Sommer 1933 hat Toscanini wegen der Naziherrschaft alle Verpflichtungen in Deutschland abgesagt.  Bis 1937    – nicht aber ab 1938 –   hat Toscanini im noch freien Österreich u a Wagners Meistersinger geleitet. Eine fabelhafte Aufführung von 1937 ist in guter Tonqualität  komplett erhalten.

d) Sehr bekannt sind die Bayreuther Aufführungen im Kriegssommer des Jahres 1943, teilweise unter Mitwirkung von Wieland Wagner. Audioaufnahmen sind vorhanden. Hermann Abendroth leitet ein Sängerensemble mit sehr guter Diktion. Die von Furtwängler geleitete Parallellversion hat in veröffentlichten Schallplattenausgaben immer noch Lakune.

e) Ein bemerkenswertes Regiekonzept für „Die Meistersinger“ hat Wieland Wagner im Jahre 1963 (mit Thomas Schippers als Dirigent) zu Tage gebracht. Dem Schriftsteller Walter Jens folgend hat er versucht, die meistens verhöhnte Figur des Beckmesser zu rehabilitieren.


Nachspann 3:
Dokumente. Nun hat wieder ein gewisser Freund und unschätzbarer Helfer    – der meine Schreibweise gentilmente nicht mag –   mir Dokumente, Materialien „erzählende Quellen“ in die Hände geschoben. Bedenken will ich’s. Wer weiß, was ich tu!

I) Pro primo. „Alles Capriolen“ ist der Titel der Biographie von Siegfried Köhler (geb 1923). Dieser war Geiger und Dirigent     – zuletzt GMD in Wiesbaden –   als Rentner in den 1990-Jahren sehr geschätzter Gastdirigent an der königlichen Stockholmer Oper (Lohengrin, Meistersinger, Arabella). Aus Wiesbaden kommt seine Version auf video von Wagners Rienzi, von der ich eine VHS-Kopie innehabe. Siegfrid Köhler erzählt in sympathischer Weise seine Erlebnisse i Bayreuth 1943 als junger „Ehrengast des Führers“. Die Meistersinger-Proben von Hermann Abendroth hat er verfolgt, Sänger wie Paul Schöffler, Erich Kunz und Ludwig Suthaus bewundert. „Viele von den Kriegskameraden, die zum Teil verwundet waren, kämpften bei den langen Monologen mit dem Schlaf“, schreibt Köhler. Die innerlichen Ähnlichkeiten mit dem erwähnten Kriegsflieger-Film „Stuka“, sind immens.

II) Pro secundo. Hermann Merz (1885-1944) ist ab 1922 den Zopoter Wagnerspielen Organisator und Regisseur gewesen. Ein Aufsatz aus dem Jahre 1999 legt seine Tätigkeit dar. Den ganzen Ring zu inszenieren brachte Schwierigkeiten. Für das „Rheingold“ hatte Hermann Merz zum Ersten keine Vision. Wollte aber vermochte nicht den „Tristan“ aufzuführen. In den Kriegsjahren wurde die Beleuchtung verboten, was früher an späten Abenden  für Stimmung gesorgt hatte. Viele Sänger waren sicherlich erstrangig. Hauptdirigent scheint ein gewisseer Dr Heinz Hess gewesen zu sein. Möglicherweise ist Erich Kleiber Senior auch dort als Dirigent aufgetreten. Diese Freilichtbühne haben in der Nachkriegszeit die Polen manchmal zufällig in Stand gesetzt, um dort die polnische Nationaloper Halka aufzuführen. Die „revolutionäre“ Oper Halka von Stanislaw Moniuszko kam 1854 zur Uraufführung im heute litauischen Vilnius. Meine DVD ist aber aus Wroclaw 2004 mit Ewa Michnik als Dirigent.
Man wollte sich „Bayreuth des Nordens“ nennen. Als Wagnerbühne ist Zoppot aber in vielen Hinsichten eine perifere Randerscheinung gewesen, aber eine wesentliche.